JAZZANOVA

JAZZANOVA

Something´s Missin´ (Could it be the debut?)

Selbst du hättest irgendwann genug gehabt. Deine Schultern schmerzend, dein Trommelfell von einem Schwall warmer Worte ganz beschlagen: 10 1/2 mal um die Welt und alle wollen nur dein bestes. Deinen Rat, deine Adresse, das Release-Date deines Debut-Albums. Erst gilt es eine Lanze zu brechen für einen Sound, auf den die Welt nicht gewartet hat, doch ehe du zweimal “Japan-Tournee” sagen kannst, rollt der Zug und du findest die Bremse nicht mehr.

Es muss lustig gewesen sein... in fernen Ländern auf prall gefüllte “Jazzanova-Style”-Plattenfächer zu stossen ... ständig Leute am Telefon zu haben, die man schon immer bewunderte ... überflüssige Preise wie den “Ibiza-DJ-Award” entgegenzunehmen ... in der id zu lesen, man hätte auf unabsehbare Zeit den Gold-Standard in Sachen Remixen gesetzt. Lustig vor allem für diese Jungs, die kaum freiwillig nach Ibiza geflogen wären, geschweige denn je die Style-Imperative der sie feiernden internationalen Trend-Presse befolgt hätten.

Doch irgendwann hat jeder Spaß ein Ende und die Stunde der Wahrheit naht. Da war doch noch was. Nach Festival-Auftritten vor Zehntausenden, Kollegen-Lob in Kübeln und einer Remix-Collection, die sich weltweit wie geschnitten Brot verkaufte - fehlte da nicht etwas entscheidenes, etwas mit dem früher, als die Dinge noch ihren gewohnten Gang nahmen, Karrieren wie diese erst starteten?

Richtig: das Debut. Und vor allem: die Ruhe es zu produzieren. Jahrelang “flavor of the month” zu sein, kann ablenken. Beispiele gäbe es genug. Als ich Anfang 99` - der Wirbel um Jazzanova war gerade noch überschaubar - eine Cover-Story fürs Groove Magazin schrieb, fragte ich sie, ob sie bei aller Vielfliegerei und der Latte an Auftragsproduktionen nicht das Schicksal ihrer Kumpels Kruder & Dorfmeister teilen könnten: Remixe als Album releasen und mit dem eigentlichen Debut partout nicht aus der Hüfte kommen.

“Keine Sorge” lautete die Antwort, das Album wurde fürs Frühjahr 2000 angekündigt. Dass es erst jetzt erscheint, ist ein Glücksfall. “In Between” ist die längst fällige, richtige Antwort auf die Frage, wie es sich anfühlt, mit dem gewissen Quentchen mehr an Wissen aus voller Überzeugung zwischen den Stühlen zu sitzen, gerade auch und vor allem zwischen jenen die man selbst - unbewusst und doch eifrig - mitgezimmert hat. Insofern ist “In Between” alles andere als das Album zum Hype. Es wird noch gehört und geliebt werden, wenn der Overkill an “Nu Jazz”-Compilations längst auf dem Müllhaufen der Musikgeschichte verstaubt ist. Kein Schnell-Schuss, der profan die Nachfrage befriedigt. Wie auch, wenn man sich selbst die Latte derart hochhängt, dass es mehr als nur einen Anlauf braucht um zum gewünschten Ergebniss zu gelangen?

Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass die sechs Berliner die Kunst des Samplings auf eine neue Ebene gehoben haben. Schon vor Jahren kursierte der Satz eines britischen Produzenten, ihr Perfektionismus und ihre Detailverliebtheit könne, wenn überhaupt, nur mit der des Star Wars-Erfinders George Lucas verglichen werden. Umso erstaunlicher ihre Aussage, erst jetzt annährend in der Lage zu sein, über die volle Distanz Regie zu führen, die ganze Leinwand auszufüllen. Vielleicht muss man selbst einmal in einem Studio gesessen haben, um zu verstehen wieviel Arbeit in diesem Album steckt, um nachzuvollziehen wieso unterschiedlichste Producer-Ikonen wie Techno-Godfather Derrick May und Hip Hop-Legende Jazzy Jeff in Interviews bei der blossen Erwähnung ihres Namens leuchtende Augen bekommen. Um ihre Platte zu lieben braucht man nur eines: ein offenes Ohr. Nur die, die ein Album im Stile ihrer ersten, genre-definierenden 12” “Fedime`s Flight” erwarten - vor fünf Jahren selbst gepresst, da selbst ihr jetziger Label-Partner Compost kein Interesse zeigte - werden enttäuscht sein: Wären sie Engländer und würden mehr kiffen, stünde ihr Debut vielleicht als “This Ain`t No Brazilectro” im Regal. Denn eines dürften sie gelernt haben über die Jahre: es ist nie verkehrt seinen Epigonen zwei Schritte vorraus zu sein.

Es ist nicht allein ihre zahlenmäßige Überlegenheit, die den entscheidenen Vorsprung verschafft. Sicher, 12 Ohren hören mehr als zwei, 6 verschiedene Musik-Sozialisationen sind inspirierender als eine; das Kollektiv als Kapital mit dem sich wuchern lässt, ist nicht zu unterschätzen. Doch das alles wäre wenig wert, wenn es ihnen nicht gelänge die verschiedenen Vorlieben und Fähigkeiten in den Dienst einer einzigen, gemeinsamen Sache zu stellen. Wie weit ihr Referenzrahmen auch gesteckt sein mag, wie fremd sich Folk und Hip Hop, House und Space-Jazz auch sein mögen: nicht eine Sekunde hat man das Gefühl zwanghaften Eklektikern zu lauschen. Alles auf diesem Album macht Sinn, greift ineinander, pusht sich gegenseitig. Alles ist, in between und so nie gehört, unüberhörbar Jazzanova.

Ihr Hip Hop-Ausflug mit Philly`s Finest Capital A ist dabei ebensowenig eine um Street-Credibility bettelnde Flucht aus dem Lounge-Ghetto, wie “Dance The Dance” - mit Jazz-Legende und Charlie Mingus-Weggefährtem Doug Hammond am Mikrofon - eine Anbiederung an ergraute Jazz-Feuilletonisten ist. Jazzanova fühlen beides, sind in beiden Welten zuhause, auf dem Montreaux Jazz Festival ebenso wie im illegalen Keller-Club meines Cousins dritten Grades.

(Die aktenkundliche Tatsache, dass die erste deutsche Hip-Hop-Platte überhaupt (Rock da Most “Use The Posse”) 1988 auf das Konto von Jazzanova-Producer Roskow ging und auch Stefan und Axel sich ihre ersten Sporen als Hip Hop-Producer verdienten, ist in diesem Kontext nicht mehr als eine Fussnote, wenn auch eine, für skeptische Hip Hop-Puristen nicht uninteressante.)

“In Between” ist das Resultat einer klassischen, funktionierenden “Family Affair”. Das Jazzanova-affilierte Sonar Kollektiv - Berliner Label-Hometurf für Brüder und Schwestern im Geiste - ist - mit Sängerin Clara Hill und Micatone-Bassisten Paul Kleber - ebenso am Start wie entfernte Verwandte aus aller Welt. Ob Philadelphias Soul-Wunder der Stunde Vikter Duplaix, die Spoken-Word-Queen Ursula Rucker und der ehemalige MC900FtJesus-Rapper Hawkeye Phanatic, die Londoner Rob Gallagher und Valerie Etienne, oder David Friedmann, der schon für Tim Buckley die Vibes spielte: In keinem Fall musste mit Scheckbüchern gewunken werden, man hat sich kennen und schätzen gelernt. “Together we will grow, everyday makin` our time for us, to celebrate world family” wie Doug Hammond in “Dance the Dance”, dem spirituellen Klappentext von “In Between” sagt: Zusammen scheinen sie unschlagbar zu sein. Dass man die Tracks - und seien sie noch so cutting edge programmiert - allesamt seiner Freundin auf das eine, spezielle, längst wieder überfällige Tape packen möchte, macht die Sache nur unfassbarer. Was da noch kommen soll, mag man sich zur Stunde gar nicht ausmalen, denn, es sei noch einmal erwähnt: Du hälst nicht mehr und nicht weniger als ein Debut in den Händen. Ein Debut right for those days to come.

Cornelius Tittel, New Years Eve 2001

Jazzanova sind: 

Axel Reinemer, Stefan Leisering, Roskow Kretschman, Jürgen v. Knoblauch,
Alexander Barck, Claas Brieler

JAZZANOVA - in between Album - "in between"

VÖ: 29.04.02

bei: JAZZANOVA COMPOST RECORDS

Hier gibt es einen exklusiven MP3 zum runterladen!:

www.jcr.info/jazzanova

CD-Vorstellung

 

 

 

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